2022-02-Refugio-Bildwelt-23.jpg

Informationen für
Betroffene

Informationen zu Sexueller Gewalt an Jungen* und Männern*

Auch Jungen und Männer erleben sexueller Gewalt. Das passiert unabhängig vom Alter, Größe, Kraft, Aussehen und sexuellen Orientierung. Sexuelle Gewalt an Jungen und Männer passiert überall auf der Welt: innerhalb von Familien durch Angehörige, in Partnerschaften, in Schulen, Sportvereinen, durch Fremde, Gefängnissen, im Kontext von Krieg, aber auch in Friedenszeiten.

Was ist sexuelle Gewalt an Männern und Jungen?

Jeder sexuelle Akt gegen Jungen und Männern, der unerwünscht ist und dem nicht zugestimmt wurde. Beispiele: Anfassen von Geschlechtsteilen, erzwungener Oral-/Analsex, sexuelle Folter: erzwungene Nacktheit, Schläge, Tritte gegen die Geschlechtsteile (Penis, Hoden, After), Strom an Genitalien anlegen, Androhung von sexuellen Handlungen, erzwungene Zeugenschaft von Vergewaltigungen.  

Wem kann es passieren?

Es kann jedem Jungen* oder Mann* passieren. 

Wie oft passiert es?

Sexuelle Gewalt an Jungen und Männern gibt es viel öfter als man glaubt. Etwa einer von sechs Jungen* / Männern* wird im Laufe seines Lebens sexualisierte Gewalt erleben. 

 refugio_ikonografie-47.png

Eine von vier Frauen* ist im Laufe ihres Lebens sexuellen Übergriffen ausgesetzt.

 refugio_ikonografie-48.png

Einer von sechs Männern* ist im Laufe seines Lebens sexuellen Übergriffen ausgesetzt.

Folgen von sexueller Gewalt

Sexuelle Gewalt kann körperliche und psychische Beschwerden verursachen. 

Erkrankungen der Seele sind weit verbreitet: Jeder dritte Mensch leidet innerhalb eines Jahres unter einer oder gleich mehreren seelischen Krankheiten. Da psychische Erkrankungen nicht sichtbar sind wie ein
gebrochenes Bein, wird das Leid, das sie verursachen, häufig unterschätzt. Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit reichen von leichten Einschränkungen des seelischen Wohlbefindens bis zu schweren psychischen   Störungen, wie Ängste und Depressionen. Psychische Erkrankungen sind ebenso vielfältig wie die Krankheiten des Körpers. Sie beinträchtigen Stimmungen und Gefühle, verursachen Ängste und Zwangshandlungen, verzerren die Wahrnehmung oder stören Denkvermögen und Gedächtnis. Psychische Erkrankungen können ganz unterschiedliche Ursachen haben. Zu ihrer Entstehung und Aufrechterhaltung tragen viele Faktoren bei, zum Beispiel neurobiologische Defekte oder Störungen, Vererbung, belastende Lebensereignisse und Traumata. Auch das Erleben von sexuellen Übergriffen kann psychische Beschwerden verursachen.

Unterstützung nach erlebter sexueller Gewalt

Jungen* und Männer* bedürfen nach erlebter sexueller Gewalt Unterstützung durch ihre Familien, Freunde und der Gesellschaft. 

Bei körperlichen Beschwerden und Schmerzen können Sie sich an Ihren Hausarzt oder an spezialisierte Ärzte, wie Urologen oder Proktologen wenden. Bei psychischen Problemen (z.B. Ängste, Schlafstörungen) finden Sie bei Psychotherapeut*innen und Psychiater*innen Hilfe.

Soforthilfe nach einer Vergewaltigung

In Krankenhäusern erhalten Sie medizinische Soforthilfe. Als betroffener Junge* oder Mann* fragen Sie am besten nach einem Urologen oder Proktologen, nach einem Arzt, der Sie zunächst körperlich untersuchen wird:

„Ich brauche dringend ein Gespräch mit einem Urologen oder Proktologen.“

Bei der Polizei können Sie sofort oder auch später Anzeige erstatten – Telefonnummer 110.

Mythen zu sexueller Gewalt an Jungen* und Männern*

Was ist ein Mythus? 

Mythus beschreibt eine in der Gesellschaft vorherrschende Vorstellung. Die Annahme ist, dass der Mythus wahr ist und vermeintlich gültige Dinge erklärt. Allerdings sind Teile dieser Annahme meist verschwommen und irrational, entsprechen also nicht den Tatsachen. Erfundenes und Reales werden bei einem Mythus oft miteinander vermischt. Ein Mythus kann – auch wenn seine Aussagen falsch sind – das Denken, Fühlen und Handeln von Personen / einem Großteil der Gesellschaft erheblich (auch negativ) beeinflussen.

Ähnliche Begriffe sind: Legende, Annahme, Gerücht, „fake News“.

Mythen und Realitäten

Annahme: Jungen und Männer können nicht sexuell missbraucht oder vergewaltigt werden.

WAHRHEIT: Auch Jungen und Männer erfahren sexuelle Gewalt – überall auf der Welt. 

 

Annahme: Nur schwache Jungen und Männer erleben sexuelle Gewalt. Ein starker / „richtiger“ Mann würde sich wehren.

Wahrheit: Männlichkeit bedeutet nicht Aggression, Unverletzlichkeit und emotionales Schweigen. Unabhängig von der körperlichen und mentalen Stärke können in einer Zwangslage alle Jungen* und Männer* sexueller Gewalt ausgeliefert sein.

 

Annahme: Allein homosexuelle Junge und Männer erleben sexuelle Gewalt.

Wahrheit: Eine bestimmte aktuelle oder zukünftige sexuelle Orientierung oder Identität ist kein Grund für sexuelle Gewalt. Sowohl heterosexuelle, bisexuelle und homosexuelle Männer können von sexueller Gewalt betroffen sein.

 

Annahme: Nur homosexuelle Männer werden sexuell gewalttätig gegen andere Jungen oder Männer.

Wahrheit: Durch sexuelle Gewalt wird Gewalt, Macht und Kontrolle über eine andere Person ausgeübt, sie hat nichts mit Lust, Begehren oder sexueller Attraktivität zu tun.

 

Annahme: Erlebte sexuelle Gewalt macht Jungen und Männer homosexuell.

Wahrheit: Betroffene Jungen und Männer von sexueller Gewalt fragen sich oft oder sind sich unsicher, ob sie homosexuell sind. Wissenschaftler sehen keinen Zusammenhang zwischen erlebter sexueller Gewalt und der sexuellen Orientierung als Erwachsener. 

 

Annahme: Jungen und Männer können nicht von Frauen sexuell missbraucht / vergewaltigt werden.

Wahrheit: Auch Frauen können Täter sein und Jungen und Männer zu unerwünschten sexuellen Handlungen zwingen. 

 

Annahme: Eine Erektion oder Ejakulation während eines sexuellen Missbrauchs / Vergewaltigung bedeutet, dass man es selber wollte.

Wahrheit: Erektion und Ejakulation sind physiologische Reaktionen, die durch bloßen Körperkontakt oder sogar extremen Stress resultieren. Diese Reaktionen und Empfindungen bedeuten nicht, dass du den Missbrauch / Vergewaltigung wolltest oder genossen hast, und sagen auch nichts über die sexuelle Orientierung aus. 

 

Annahme: Betroffene Jungen* und Männer* von sexueller Gewalt werden später selber Vergewaltiger.

Wahrheit: Die große Mehrheit Männer*, die in der Kindheit oder als Erwachsene selber sexuelle Gewalt erlebt haben, werden NICHT zu Vergewaltigern. Auch Jungen* und Männer*, die sexuelle Gewalt erlebt haben, sind und bleiben liebevolle Ehemänner, Väter, Söhne, Brüder, Freunde und wichtig für die Gemeinschaft.